Historisches Foto der Balkone und Dachterrassen in der Siedlung Weiße Stadt in Buchforst
Foto: Werner Mantz; Copyright: VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Fortschrittlichste Siedlung ihrer Zeit

In dieser Rubrik nehmen wir Dich mit auf Zeitreise und erkunden gemeinsam das historische Köln. Diesmal hat es uns nach Buchforst in die Weiße Stadt verschlagen.

Baujahr

1929-1932

Architekten

Wilhelm Riphahn und Caspar Maria Grod

Besonderheit

Moderne Zeilenbauten

Denkmalschutz

Ja

Im rechtsrheinischen Buchforst baute die GAG Immobilien AG Ende der 1920er Jahre eine Siedlung, die die Aufmerksamkeit der Kölner auf sich zog. Die neuen, fünfgeschossigen Häuser standen nicht in Reihen entlang einer größeren Straße, wie es damals üblich war. Sie waren als sogenannte Zeilenbauten frei im Gelände aufgestellt und nur durch kleine Sträßchen miteinander verbunden. Der Verkehr sollte außerhalb des ruhigen Wohngebietes fließen.

Zu dieser Zeit war es die modernste Siedlung in Köln: Die neuen Wohngebäude hatten strahlend weiße Fassaden, klare Kanten und Linien und keine verzierenden Ornamente. Das brachte ihr den Namen Weiße Stadt ein. Weiß war die Farbe der progressiven Architekten, zu denen Wilhelm Riphahn damals gehörte, der wohl berühmteste Hausarchitekt der GAG.

Schon gewusst?

Die GAG hat beim Bau der Weißen Stadt die Baustellenorganisation optimiert, weil beim traditionellen Steinbau mit Ziegelsteinen sehr viel Material in die Brüche ging. Die Arbeiter hatten die Steine nämlich mit Schubkarren von einem Ende der Siedlung ins andere befördert. Indem die Firmen künftig direkt an die Hausbaustelle lieferten, wurde der Bruch deutlich minimiert und die Arbeitsabläufe wurden einfacher.

Die Architekten und ihre Ideen

Der Kölner Architekt Wilhelm Riphahn hat die Weiße Stadt zusammen mit seinem Kollegen Caspar Maria Grod wie ein Baukastensystem angelegt: Mehrfamilien- und Einfamilienhäuser, ein Gemeinschaftshaus und die wichtigsten Geschäfte des täglichen Bedarfs lagen hier in unmittelbarer Nähe zueinander.

Neben einem Kaisers’s Kaffeegeschäft wurde zum Beispiel 1931 eine Verkaufsstelle der Stüßgen-Kolonialwarenhandlung eingerichtet. Außerdem gehört die Kirche St. Petrus Canisius zur Siedlung, die ebenfalls von Riphahn und Grod entworfen wurde. Sie war eines der ersten Gotteshäuser in Köln, das im Bauhausstil errichtet wurde.

Die beiden Architekten konnten die Weiße Stadt auf komplett freiem Gelände planen. Die nüchtern weißen Gebäude hätten eintönig wirken können, doch das vermieden die Planer durch die gestaffelte Zeilenhausbauweise. An den Kopfbauten geht jeweils ein Vorsprung von der Fassade zu den Loggien ab. In allen Stockwerken konsequent sägezahnartig durchgezogen, wirken die Häuser dadurch interessant und alles andere als monoton. Zwischen den Gebäuderiegeln, die nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet waren, wurden Grünflächen und Vorgärten angelegt.

Die Anordnung der Gebäude der Weißen Stadt lässt jede Menge Licht hinein. Die Häuser wurden optimal zum Einfall des Sonnenlichts ausgerichtet, die Bewohner haben durch die schräge Anordnung auch nachmittags und abends noch Sonne. Und durch die luftige Bebauung konnte der Wind für frische Luft sorgen. So blieben die Architekten dem GAG-Baumotto „Lich, Luff un Bäumcher“ treu, was so viel wie Licht, Luft und Bäume bedeutet.

Schon gewusst?

Auch die Straßennamen spiegeln den Fortschritt wider: So wurden die Straßen der Siedlung nach Erfindern und Wissenschaftlern benannt, Galilei, Volta, Archimedes und Kopernikus.

Die Bewohner der Weißen Stadt

Ganz anders als in der Siedlung Blauer Hof, die nur ein paar Straßen von der Weißen Stadt entfernt liegt, wurden in der Weißen Stadt von Anfang an größere Wohnungen geplant. Die rund 580 Wohneinheiten waren bis zu 80 m² groß. Der Geograph und Historiker André Dumont untersuchte für die GAG die Sozialstruktur der Siedlung und vermutet, dass die GAG die größeren Wohnungen vor allem an Beamte und Angestellte vergeben wollte. „Auffallend ist, dass die Mieter sehr moderne Berufe hatten und für die Zeit sehr fortschrittlich waren“, sagt Dumont. Die Bewohner arbeiteten etwa beim Rundfunk oder am Flughafen, damals dem Butzweiler Hof. Andere Mieter waren Bankbeamte, Studienräte oder Kriminalsekretäre. Dumont hat außerdem herausgefunden, dass etliche allein lebende Frauen mit eigenem Beruf in der Siedlung lebten.

Die Zeilenbauten beeindruckten schon damals mit großen Balkonen – wer ganz oben wohnte, hatte sogar eine eigene Dachterrasse. Trotz der hellen, großen Wohnungen waren die Kölner anfangs zögerlich. Sie waren eher konservativ gebaute Siedlungen gewohnt. Die GAG schaffte deshalb Anreize durch Geldprämien, damit sich die ersten Mieter trauten einzuziehen.

Du willst noch mehr über das Leben von damals erfahren? GAG-Mieterin Katharina Schmitz erinnert sich noch gut an damals und erzählt im Interview „Meinen Humor habe ich nie verloren“ aus ihrem bewegten Leben.

Zum Interview

Was von der Vergangenheit bleibt

Der Kern der Siedlung ist weitgehend unverändert, sie steht für das Bauen im Stil der klassischen Moderne. In den eingeschossigen Ladenpavillons an der Heidelberger Straße prangten früher die Schriftzüge Metzgerei, Apotheke, Eintracht, Hoffnung und Backwaren. Die Idee war die eines Commercial Strip, wie man ihn aus den USA kannte, damit die Bewohner sich auf dem Nachhauseweg mit allen Dingen des alltäglichen Bedarfs versorgen konnten. Die Konsumgenossenschaft Eintracht war christlich-konservativ, die KG Hoffnung sozialistisch. Die GAG wollte beide vertreten haben, um politisch neutral zu bleiben. Die Geschäfte sind heute verschwunden, ebenso wie der Buchforster Hof, der zunächst im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde und später in das Erdgeschoss eines siebenstöckigen Hochhauses einzog, welches in den 1950er Jahren an der Hauptstraße neu errichtet wurde.

Heute zieht die Auferstehungskirche an der Kopernikusstraße, besser bekannt als Kulturkirche Ost, viele Leute ins Veedel. 2008 hat die GAG die Kirche übernommen und nach umfangreicher Modernisierung 2012 als kulturellen Treffpunkt für Konzerte, Bildvorträge und Ausstellungen wiedereröffnet.

Die Recherche der historischen Fotos konnte mit freundlicher Unterstützung der SK Stiftung Kultur umgesetzt werden. 

 

Text: Maria Hauser