Historisches Foto der Nibelungensiedlung mit Zementfiguren aus der Nibelungensage
Foto: Hugo Schmölz

Heimisch werden im bunten Paradies

In dieser Rubrik nehmen wir Dich mit auf Zeitreise und erkunden gemeinsam das historische Köln. Diesmal führt uns die Reise nach Mauenheim in die Nibelungensiedlung.

Baujahr

1919-1928

Architekten

Wilhelm Riphahn

Besonderheit

Erste knallbunte Siedlung im Rheinland

Denkmalschutz

Nein

Wo heute die Nibelungensiedlung in Mauenheim ist, waren früher nichts als Felder. Die GAG Immobilien AG hatte schon 1914 vor, auf den Äckern eine Kleinhaussiedlung zu bauen. Doch der Ausbruch des Ersten Weltkriegs ließ die Pläne erst einmal zerplatzen. Von 1919 bis 1928 wurde der Bau schließlich realisiert. Zu dieser Zeit entschieden die Stadtverordneten, dass die Straßen Namen aus dem mittelhochdeutschen Nibelungenlied erhalten sollten: Siegfried, Kriemhild, Brunhild, Alberich, König Gunther oder Etzel – all die Namen der Nibelungensage finden die Bewohner seitdem in der Siedlung. Zu den Straßennamen kamen einige Bildelemente und Figuren in der Siedlung hinzu, die auf das Nibelungenlied Bezug nahmen.

Der Architekt und seine Ideen

Die Siedlung ist nach den Plänen des Architekten Wilhelm Riphahn entstanden. Wer sich mit Kölner Architektur beschäftigt, wird schnell die Handschrift des bekannten Architekten erkennen: Die Gebäude der Siedlung sind schlicht, verfügen aber über besondere und wiederkehrende Elemente wie Sprossenfenster, Stufengiebel als Abschlüsse der Hausreihen oder Pavillons, die in der ganzen Siedlung verstreut lagen und zunächst Ladenlokale waren.

Typisch für Riphahn war auch die Größe der Fenster, die auf die Funktion der Räume schließen lässt: Kleine Fenster gehören zu Nebenräumen wie Bädern, hinter großen Fenstern liegen etwa die Wohnzimmer der Wohnungen, also die Haupträume.

Das Farbkonzept der Siedlung war jedoch gar nicht typisch für den Kölner Architekten: Riphahn ließ hier zum ersten Mal die Häuser einer Siedlung farbig gestalten. Die Häuser wurden in leuchtend kräftigen Farben gestrichen: Gelb, Rot, Blau und Grün. Die Nibelungensiedlung war damit die erste knallbunte Siedlung im Rheinland. Beraten ließ er sich dabei von den beiden Kölner Künstlern Heinrich Hoerle und Franz Wilhelm Seiwert, da Wilhelm Riphahn nach eigener Aussage farbenblind war, womit er auf seine ihm eigene kauzige Art unterschrieb, dass sein Sinn für Farben nicht besonders ausgeprägt war.

Weiterhin griff Riphahn bei seiner Siedlungsplanung den Verlauf der dortigen Eisenbahngleise auf und leitete von dort die Hauptachsen Neue Kempener Straße und Guntherstraße ab. Die Siedlung wurde im Schachbrettgrundriss geplant, den Riphahn jedoch geschickt verschoben hat, um Monotonie zu vermeiden. Das heißt: Er hat Versprünge an den Häusern eingeplant und die Straßen nicht in einer Linie durchgeführt – mit Ausnahme der Neuen Kempener Straße. Plätze und Höfe lockerten die Siedlung auf. Zudem waren die Häuser unterschiedlich hoch und hatten ein bis drei Stockwerke. Die Siedlung bestand fast ausschließlich aus Einfamilienhäusern, nur an der Neuen Kempener Straße und an der Nibelungenstraße standen Mehrfamilienhäuser.

Ganz gemäß dem GAG-Baumotto „Lich, Luff und Bäumcher“ plante Riphahn die Häuser so, dass sie optimal zum Sonneneinfall ausgerichtet waren. Selbst im Winter bekamen die Bewohner so noch viel Licht und Wärme ab. Zudem erhielten die Einfamilienhäuser entweder einen Vorgarten oder ein Gärtchen hinter dem Haus. Die Hausgärten waren auch für eine wirtschaftliche Nutzung vorgesehen. So sollten Obstbäume und -sträucher gepflanzt und Nutztiere gehalten werden – allerdings nur kleineres Getier wie Hühner oder Kaninchen. An den Fassaden vieler Gebäude waren Rankgitter, die für Bohnen genutzt werden konnten.

Besonders in der Nibelungensiedlung sind die Gartenwege, über die die Bewohner zu ihren Gärten gelangten, ohne immer durch das Haus gehen zu müssen. Über die schmalen Wege konnten sie aber auch ihre Gänge durch die Siedlung machen, einkaufen und die Nachbarn besuchen.

Die Nibelungensiedlung ist an die Idee der Gartenstadt angelehnt. Woher die Idee kommt und was sich dahinter verbirgt, erfährst Du in unserem Artikel „Von der Gartenstadt zur Gartensiedlung“.

Zum Artikel

 

 

Eine Schule mitten in der Siedlung

Ein Gebäude, das nach seiner Entstehung viel Aufmerksamkeit auf sich zog – auch im Ausland – ist die eingeschossige Schule in der Nibelungensiedlung, früher Volks- und heute Grundschule. Sie wurde 1921 bis 1923 gebaut und hat zwei Innenhöfe, damals war einer den Jungs, einer den Mädchen vorbehalten. Besonders war, dass ein Siedlungsarchitekt die Schule planen durfte, und nicht der zuständige Dezernent der Stadt Köln. Riphahn lehnte die Architektur also an die übrige Siedlung an, mit Torbögen, unterschiedlichen Fensterformaten und Stichbögen über den Erdgeschosstüren und -fenstern.

Eine Flachbauschule wie diese war damals sehr ungewöhnlich. Die Reformschule war auch auf internationaler Ebene ein wegweisender Schulbau. Die Idee war, dass die Schüler näher an der Natur sein sollten. Um das Gebäude herum wurde also ein Schulgarten angelegt. Riphahn wollte eigentlich, dass man direkt aus den Klassenräumen in den Garten gelangen konnte. Mit dieser Idee konnte er sich aber nicht durchsetzen. Zum Stundenplan der Schüler gehörte auch die Gartenarbeit. Die Schule hat einen Raum, der als Turnhalle, aber auch als Veranstaltungsraum diente. Früher fanden dort Konzerte statt und Theaterstücke wurden aufgeführt – auch für die Bewohner der Nibelungensiedlung.

Die Bewohner der Nibelungensiedlung

Der Geograph und Historiker André Dumont hat für die GAG die damalige Sozialstruktur der Siedlung untersucht. Mithilfe von alten Adressbüchern analysierte er, wer die Siedlungen bewohnt hat. Dafür ging er die Straßenzüge und Wohnhäuser der Siedlung durch. Laut Adressbuch 1929 standen im Jahr 1928 in der Nibelungensiedlung insgesamt 547 Häuser mit mindestens 623 Wohneinheiten. Außerdem gab es die Volksschule, die Kirche St. Quirinus sowie etwa 20 Geschäfte für den täglichen Gebrauch.

Entlang der Etzelstraße am Bahndamm hatten die eingeschossigen Häuser je eine Wohnfläche von etwa 62 m² – damals lebten aber auch in diesen kleineren Gebäuden einige kinderreiche Familien mit sechs bis sieben Personen. In der Etzelstraße lebten jedoch auch auffällig viele Bewohner, die der unteren Sozialschicht angehörten. „Das könnte daran liegen, dass die Etzel-Straße am Rand der Siedlung direkt am Eisenbahndamm lag. Keine schöne Wohnlage“, sagt Dumont. Die anderen Häuser der Siedlung sind meist zweigeschossig und haben bis zu 90 m² Fläche.

Zunächst als reine Mietshäuser gebaut, wurden die Häuser bald auch privatisiert. Wer sich die Kaufraten nicht leisten konnte, nahm Untermieter auf. Bis 1941 gab es aber auch noch etliche Häuser, die der GAG gehörten. Die GAG hatte ursprünglich geplant, 500 Bahnbeamte mit ihren Familien in Mauenheim anzusiedeln, da der Bahnknoten Köln immer weiter ausgebaut wurde. Schließlich lebten aber schon zu Beginn nicht nur Bahnbeamte und -angestellte in der Nibelungensiedlung, sondern auch Mitarbeiter der Post, Kaufleute, Ingenieure, Schreiner oder Gärtner.

Die anderen Bewohner Mauenheims nannten die Siedlung auch „Papageien-Siedlung“ – angelehnt an das bunte Farbkonzept, das Riphahn verwirklichte. Der Name war nicht nur liebevoll gemeint – sie waren anfangs skeptisch, wer da in ihre Nachbarschaft ziehen würde. Immerhin fanden innerhalb weniger Jahre 3.000 Menschen ihr Zuhause in der Nibelungensiedlung. Die Bewohner selbst nannten ihre Siedlung „Das bunte Paradies“. Damit hatte Riphahn sein Ziel erreicht, denn die Siedlung sollte eine neue Heimat für die Bewohner werden, mit der sie sich identifizieren konnten. Sie sollten Gemeinschaften bilden und Vereine gründen – was sie auch munter taten.

Mehr über André Dumonts Recherchen und seine Analyse der damaligen Sozialstruktur findest Du im Artikel „Auf Spurensuche in der Vergangenheit“

Was von der Vergangenheit bleibt

Die Häuser an der Nibelungenstraße gegenüber dem Nordfriedhof wurden 2018 abgerissen und durch moderne Mehrfamilienhäuser der GAG ersetzt. Insgesamt ist der einheitliche Charakter der Siedlung jedoch bis heute erkennbar – trotz vieler Modernisierungen. Wer aufmerksam ist, erkennt etwa an einem Torbogen noch zwei historische Figuren: Siegfried, den Drachentöter, und sein Pferd Grane. Verschwunden sind die von Riphahn geplanten, hübschen Schwippbögen, die an den Hauswänden verankert waren. Durch diese Torbögen, aber auch durch die Dachgauben und Giebel in Treppchenform, erinnerte die Siedlung einst beinahe an eine Burg-Umgebung. Die Bögen fielen jedoch nicht den neuesten Modernisierungen zum Opfer: Fast alle wurden nach und nach abgebrochen, weil die ersten Bewohner sie früh als lästig empfanden. Die Pferdefuhrwerke konnte nur mit Mühe hindurch navigiert werden und blieben häufig darin stecken. Heute würde kein Müllfahrzeug durchpassen.

Ende der 1920er Jahre fuhr eine Straßenbahn durch die Siedlung, so konnten die Bewohner bequem in die Innenstadt gelangen. In den 1950er Jahren wurden die Verbindung aber stillgelegt und die Schienen abgebaut. Durch die Zunahme des Individualverkehrs ist zudem das Grün in der Siedlung weniger geworden: Wo früher die Vorgärten waren, parken heute zumeist Autos vor den Häusern.

Auch die Plätze in der Siedlung haben sich verändert. Auf dem Kriemhildplatz saß früher der Drache aus der Sage als Zementfigur auf der einen Seite, und eine Zementschale mit buntem Schmuck stand auf der anderen. Der Drache bewachte den Schatz. Und zwischen den Figuren spielten die Kinder. „Sie liebten es, nach einem Regenguss Wasser aus der Schale auf Passanten zu spritzen und dann wegzulaufen“, sagt Historiker Dumont. Mitten in der Siedlung ist die Gaststätte Siegfriedhof mit ihrem hübschen Biergarten im Schatten der Bäume erhalten geblieben. Hier war schon früher ein Gasthof, in dem die Bewohner sich trafen – und das tun sie noch heute.

Die Recherche der historischen Fotos konnte mit freundlicher Unterstützung der SK Stiftung Kultur umgesetzt werden. 

 

Text: Maria Hauser

Aktuelle Fotos: Patrick Essex, Thilo Schmülgen

Historische Fotos: Hugo Schmölz

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