Mieterin Erika Gnasso-Korengel liest in einem Arabisch-Sprachführer
Foto: Costa Belibasakis

Die ersten Blue Jeans im Kölner Norden

In dieser Rubrik nehmen wir Dich mit auf Zeitreise und erzählen die Geschichten unser langjährigen Mieter. Dieses Mal haben wir Erika Gnasso-Korengel in ihrer Wohnung im Görlinger Zentrum getroffen.

Bevor Erika Gnasso-Korengel 1970 nach Köln kam, lebte sie an vielen Orten, zwölf Jahre lang war sie auch im Ausland tätig. Geboren wurde sie 1931 in Bremen. Ihre Kindheit, die sie in Hamburg verbrachte, fällt somit in die Kriegszeit. „Es war schrecklich, ich vergesse es niemals“, sagt sie. Ebenso eindrucksvoll hat sie aber die Freundlichkeit in Erinnerung, die ihr später entgegengebracht wurde, als sie für ihre Tätigkeit als Übersetzerin in Italien, Spanien, England und der Schweiz unterwegs war. Ein wenig verhalten gegenüber den Deutschen hat sie nur die Franzosen aus der Nachkriegszeit in Erinnerung. Insgesamt aber lautet ihre Bilanz: „Das war eine tolle Zeit. Ich habe viel menschliches Entgegenkommen und viel Respekt erlebt.“

Während sie in Italien arbeitete, lernte sie ihren Mann kennen, Agostino Gnasso. Sie selbst hatte eigentlich nicht unbedingt in ihre Heimat zurück gewollt, doch ihr Mann sah dort große Chancen: Als gelernter Herrenschneider wollte er mit seiner Frau und seinen Kindern nach Deutschland übersiedeln und sich mit einem Jeans-Geschäft selbständig machen. „Unsere Wahl fiel auf Köln, teils wegen seiner bedeutenden Geschichte, aber auch, weil die Stadt international einen super guten Namen hat. Wir haben es nicht bereut, denn wir wurden hier toll aufgenommen“, erzählt die alte Dame.

Eine Wohnung bekamen sie über die GAG, „das war damals ganz einfach“, berichtet sie. So bezog die Familie jene Räume am Görlinger Zentrum, in denen Erika Gnasso-Korengel bis heute lebt. Von ihrem Zuhause aus sind es nur wenige Schritte bis zur Fußgängerzone. Genau dort fand das Paar auch ein Ladenlokal, in dem sich Agostino Gnasso seinen Traum erfüllen konnte: „Jeans-Gnasso“ am Görlinger Zentrum 33 war eines der ersten Geschäfte für Blue Jeans in Köln und über 30 Jahre lang ein Geheimtipp im Kölner Norden.  

Es waren die 1970er Jahre, die Deutschen trugen noch Kordhosen – und viele waren mehr als offen für die Tipps eines Italieners mit modischem Gespür. Zwei Dinge spielten den Gnassos dabei in die Karten: Zum einen konnte Agostino aufgrund seiner Ausbildung einen fast kostenlosen Änderungsservice anbieten, um die Hosen wirklich perfekt anzupassen, zum anderen hatte das Paar drei Kinder, die in der Schule Jeans anzogen und so auch die Mitschüler für die neuen „Nietenhosen“ begeisterten.

„So volle Geschäfte würde man sich heute wünschen“

„Die Kinder brachten ihre Eltern mit, und mit der Zeit kamen die Leute auch aus der Innenstadt, aus Pulheim und Chorweiler zu uns. Wir hatten gut zu tun. So volle Geschäfte würde man sich heute wünschen“, schwärmt Erika Gnasso-Korengel beim Blättern in ihren alten Foto-Alben. Die Aufnahmen aus jenen goldenen Jahren zeigen einen kleinen Verkaufsraum, dessen Wände bis unter die Decke hinauf bedeckt sind mit Regalen, auf denen sich Jeans stapeln. Vor der Ladentheke ist regelmäßig eine Traube von Kunden zu sehen, während meist jemand auf dem Verkaufsteam auf einer Trittleiter steht und Jeanshosen heraussucht. Agostino Gnasso betrieb das Geschäft hauptberuflich, seine Ehefrau war bei einem Unternehmen in Burscheid angestellt und unterstützte nebenher im Jeansladen.

Bis 2007 war „Jeans-Gnasso“ am Görlinger Zentrum eine feste Größe. Dann starb Agostino Gnasso. Seine Witwe übergab noch im gleichen Jahr den Laden an ein Paar, das ihn fortführen wollte, aber schon zwei Jahre später aufgab. Heute ist in den Räumlichkeiten eine Fahrschule.

Mit einigen der früheren Mitarbeiterinnen hat die GAG-Mieterin bis heute Kontakt. Immerhin sei man durch viele schöne Erinnerungen verbunden, zum Beispiel Modenschauen und Feiern, die für die Kunden ausgerichtet wurden. „Bocklemünd war damals großartig. Überall waren Geschäfte – für Damen- und Herrenmode, Kinderkleidung, Wäsche, Lebensmittel. Es gab viele Familien, deren Kinder auf Gymnasien gingen; das fand ich ein gutes Zeichen“, erzählt sie. Man habe sich gekannt – auch in den Hochhäusern. Das empfindet sie heute anders und bedauert es: „Ich kenne nur noch drei andere Parteien aus dem Haus, in dem ich wohne. Es gibt mehr Wechsel, deswegen kommt weniger Kontakt zustande.“ Auch die Infrastruktur der Geschäfte sei nicht mehr so vielfältig.

„Aber das Eiscafé, das kann ich Ihnen empfehlen“, sagt sie und macht sich eigens auf den Weg vor die Haustür, um zu zeigen, wo es liegt. Danach kehrt sie zurück in ihre Wohnung, in der unzählige Bücher und Erinnerungsstücke sie umgeben. Hier wird es ihr niemals langweilig: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass manche es schwer finden, sich im Alter weiterzubilden. Man kann doch so viel machen!“ Zehn Jahre lang war sie zum Beispiel als Presbyterin im Vorstand der evangelischen Gemeinde. Aktuell ist neben dem Sofa die aufgeschlagene Wochenzeitung „Die Zeit“ ausgebreitet, auf dem Sekretär liegt ein Sprachführer aus der Reihe „Kauderwelsch-Trainer“: Die 90-Jährige versucht, Arabisch zu lernen. Da es die Muttersprache vieler Menschen mit Fluchterfahrung ist, denen sie ehrenamtlich Nachhilfe gibt, schien ihr das naheliegend.

Text: Johanna Tüntsch

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