Das Ehepaar Schwingeler in ihrer Wohnung in der Rosenhofsiedlung in Bickendorf
Foto: Costa Belibasakis

„Wenn etwas ist, darfst du immer schellen"

In dieser Rubrik nehmen wir Dich mit auf Zeitreise und erzählen die Geschichten unser langjährigen Mieter Wilhelm und Sophie Schwingeler.

Wenn Sie früher und heute vergleichen: Was ist das, was sich am meisten verändert hat?

Sophie Schwingeler: Früher war es hier gemütlicher. Wie auf dem Dorf! Heute wohnen viele junge Leute hier, die haben ein anderes Tempo drauf.

Ursprünglich kommen Sie ja nicht direkt aus der Rosenhofsiedlung. Wo haben Sie vorher gelebt?

Sophie Schwingeler: Aufgewachsen sind wir an der Äußeren Kanalstraße, auch in einer Siedlung der GAG. Mein Mann und seine Eltern wohnten drei Häuser weiter. Ich bin dort sogar geboren! Man hatte ja früher Hausgeburten. Es war herrlich dort. Jeder hatte eine kleine Wohnung, jeder hatte viele Kinder, das ging wunderbar. Alle sind ungefähr zur gleichen Zeit eingezogen. Nach einiger Zeit war man sozusagen miteinander verwandt. Man konnte jedem vertrauen und brauchte nicht einmal die Tür schließen, es ging trotzdem keiner rein. In unserem Haus waren wir 16 Kinder.

Wilhelm Schwingeler: Gegenüber vom Haus 31 waren Gärten und eine Wiese, auf der wir als Kinder spielen konnten. An der Ecke war das Kamelle-Büdchen. Bei uns hieß es: der Kaumann. Auch ein Kino gab es ganz in der Nähe. Im Krieg, wenn Bombenalarm war, sind wir in die Helmholtzstraße zum Bunker gelaufen. Vieles ist zerstört worden. Nach dem Krieg gab es dann noch drei Geschäfte: eine Autowerkstatt, einen Getränkemarkt und eine Eisdiele.

Haben Sie die ganze Kriegszeit in Köln verbracht?

Wilhelm Schwingeler: Zeitweise waren wir auch evakuiert. Bei unserer Rückkehr wohnten dann andere in der Wohnung meiner Eltern, aber später haben wir sie zurückbekommen.

Sophie Schwingeler: Wir hatten Glück. Mein Großvater war Engländer und hat für die Besatzer gedolmetscht. Als wir aus der Evakuierung zurückkamen, war unsere Wohnung versiegelt – das war wohl eine Dankesgeste der Engländer. Ich weiß noch, wie wir auf unserem Weg von Thüringen nach Hause wieder Köln erreichten: Meine Mutter hat sich hingekniet und die Brücke geküsst! Aber bevor wir in die Stadt hineindurften, mussten wir zu einer Entlausungsstation. Da musste jeder sich ausziehen und wurde vorsorglich mit einer Flüssigkeit gegen Läuse behandelt.

Womit haben Sie als Kinder in Bickendorf Ihre Zeit verbracht?

Sophie Schwingeler: Wenn wir viel Glück hatten, gab es mal eine Puppe, die jemand selbstgeschneidert hatte. Oder wir sind zur Rochusstraße gegangen, da konnte man für 30 Pfennig Rollschuhlaufen. Nach dem Krieg ging jemand hier mit einem Handwagen herum, von dem er kleine Mengen Obst verkaufte. Da gab es dann mal ein Stück Banane, Apfelsine und kleine Stücke Kokosnuss. Ich weiß noch, wie ich dachte: 'Wenn du groß bist, isst du so viel Kokosnuss, bis du nicht mehr kannst!' Das habe ich später aber dann doch nicht gemacht.

Wie haben Sie diese Zeit erlebt, in der alles so knapp war?

Sophie Schwingeler: Es gab sehr wenig, aber irgendwie hat auch nichts gefehlt. Wir haben nichts vermisst. Wir haben zusammengehalten! In der Steubenstraße war eine Frau, die hat gemaggelt. Da konnte man auch mal ein Lot Kaffee kaufen. Wissen Sie, wie viel ein Lot ist? Nicht viel. Aber selbst das wurde noch geteilt. Wenn wir es dann zu Hause hatten, klopfte meine Mutter mit dem Schrubber an die Decke. Dann kam die Nachbarin an das Fenster, und meine Mutter rief rauf: 'Komm runter!' Dann haben sie den Kaffee geteilt.

Wilhelm Schwingeler: Mein Vater war Schuhmacher. Nach dem Krieg hat er in einer Schuhfabrik gearbeitet. Von dort hat er sich alles mitgebracht, um zu Hause Schuhe machen zu können. Die hat er dann auf dem Land bei Bauern gegen Essen getauscht.

Sophie Schwingeler: Und dann die Hamsterfahrten! Einmal war ich dabei, jemand hatte mir ein Kleid genäht, das hatte den ganzen Rock voller versteckter Taschen. Als wir zurückkamen, steckten die voller Eier, Speck und Butterbroten. Anderen waren die Hamsterwaren abgenommen worden, aber meine hat man nicht gefunden.

Was haben die Menschen aus Bickendorf nach dem Krieg in ihrer Freizeit gemacht?

Wilhelm Schwingeler: Ich habe geboxt, auch der Vater meiner Frau. Der Verein BC Westen war damals sehr bekannt! Boxen gehörte zum Alltag. Jeden Sonntagmorgen gab es Boxkämpfe, bei denen die Männer antraten. Die Frauen kamen mit und sahen zu. Ich war auch oft mit dem Club auf Tour, in vielen verschiedenen Ländern.

Sophie Schwingeler: Irgendwann hat er mich gefragt, ob ich ihn zur Weihnachtsfeier des Vereins begleiten wollte. Und im Rosengarten hat er mir dann den Heiratsantrag gemacht! Früher war in der Siedlung übrigens wirklich alles voller Rosen. Geheiratet haben wir 1958 in St. Rochus. Die anschließende Feier war zu Hause bei meinen Eltern.

Und dann folgte der Umzug in die erste gemeinsame Wohnung?

Sophie Schwingeler: Bis wir endlich unsere erste eigene Wohnung bekamen, hat es zwei Jahre gedauert! Es gab damals einfach keine Wohnungen. Erst recht nicht, wenn man kein Kind hatte. Wir lebten bei meinen Schwiegereltern, im früheren Kinderzimmer meines Mannes. Dort ist auch meine Tochter zur Welt gekommen und zwar an einem Sonntag. Am Montag ging meine Mutter dann gleich zum Siedlungsbüro, und wir bekamen endlich eine eigene Wohnung, in einem Speicher am Platanenweg. Den Umzug erledigten wir mit dem Handwagen. Wir waren so glücklich und stolz! Im Haus waren wir die Jüngsten. Die Nachbarinnen sagten zu mir: 'Ach, Kind, wenn etwas ist, darfst du immer schellen.'

Wilhelm Schwingeler: Die Wohnung war ein ausgebauter Speicher. Wir zahlten 39,85 DM Miete. Bei Sturm wurde uns die Dachpappe vor das Fenster geweht. Einige Jahre später hatten wir gerade renoviert, um die Konfirmation unserer Tochter zu feiern. Dann bekamen wir die Wohnung Am Rosengarten.

Gab es Überlegungen, aus Bickendorf wegzuziehen?

Sophie Schwingeler: Nein, gar nicht. Hier ist unser Zuhause! Als vor Jahren die Häuser an der Äußeren Kanalstraße abgerissen wurden, war das schrecklich für mich. Meine Tochter hat mir damals ein Stück Ziegelstein vom alten Haus geholt, das habe ich noch immer. Heute wohnt in der Wohnung neben uns eine Nachbarin, die wir auch seit unserer Kindheit aus der Siedlung an der Kanalstraße kennen. Und irgendwie war bei uns immer etwas los, immer war es lustig. Die Männer gingen zum Training oder zum Schwimmen, die Frauen kamen zu uns. Später wurde zusammen gefeiert, und oft schliefen nach einer Feier Bekannte hier bei uns. Ich weiß gar nicht, wo all diese Jahre geblieben sind.

Text: Johanna Tüntsch

Fotos: Costa Belibasakis

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