Olga Witt in ihrem Unverpacktladen „Tante Olga“ in Sülz
Foto: Costa Belibasakis

„Mit wie viel weniger man zufrieden sein kann!“

In dieser Rubrik treffen wir Menschen, die Dir in Deiner Nachbarschaft begegnen könnten. Olga Witt ist die Inhaberin vom ersten Kölner Unverpacktladen „Tante Olga“ und eine lokale Expertin für Zero Waste. Hier erzählt sie, wie es dazu kam.

Name

Olga Witt

Geboren

In Mönchengladbach, über mein Alter spreche ich nicht so gerne

Beruf

Weltretterin, Ladenbetreiberin, Autorin und Referentin

In Köln seit

2010

Veedel

Sülz

Lieblingsort

überall am Rhein

„Den Begriff ‚Zero Waste‘ kenne ich noch gar nicht so lange, zum ersten Mal habe ich ihn 2013 gehört. Aber einige Methoden der Müllvermeidung habe ich zu Hause kennengelernt, schon als Kind. Mein Bruder und ich sind aufgewachsen mit Stofftaschentüchern. Wir nahmen eigene Trinkflaschen mit und Butterbrotdosen. Schon früher haben wir nichts in Einwegsachen verpackt. Das ist irgendwann eingeschlafen. Irgendwann hatten wir Wegwerftaschentücher. Später fand ich zu dem Thema zurück. Ich wurde zu einer Pionierin der Zero Waste-Bewegung, gründete den Verein Zero Waste Köln mit und eröffnete den ersten Kölner Unverpacktladen. Wie es dazu kam? Da muss ich ein wenig ausholen.

Geboren wurde ich in Mönchengladbach. Nach Köln bin ich für mein Masterstudium in Architektur gekommen – Schwerpunkt ‚Energieoptimiertes Bauen‘. Köln ist ja auch eine sehr attraktive Stadt. Und nicht weit weg vom Niederrhein. Nach dem Abschluss übernahm mich das Architekturbüro, für das ich schon während des Studiums gearbeitet habe. Die ökologische Seite der Architektur hat mich immer schon interessiert, das hat der Studiengang noch einmal verstärkt.“

Den ökologischen Ansatz konnte ich als Architektin nicht umsetzen.
Olga Witt

„Allerdings habe ich es nicht geschafft, diesen Ansatz in meiner Arbeit auch umzusetzen. Man hat da die ökologischen Mindestkriterien erfüllt, die gesetzlich vorgeschrieben sind. Aber keinen Deut mehr. Dafür war nie Geld und nie Zeit da. Ein Großteil meiner Arbeit fühlte sich an wie Zeitverschwendung. Wir Architekten hatten unglaublich viel Arbeit und konnten nicht umsetzen, was unseren Werten entspricht. Das wurde für mich zunehmend ein Problem.“

Sie war motiviert und startete ihren eigenen Blog

„Ich hatte angefangen, ökologisch bewusster zu leben. Im Rahmen meiner Möglichkeiten versuchte ich, Abfall zu vermeiden. In dieser Phase stieß ich auf Zero Waste. Im Internet fand ich Bea Johnson aus Kalifornien und ihre Familie, die fast gar keinen Müll produzierten. Sie machte das schon seit 2010 oder länger. Sie hatte einen Blog, inzwischen hat sie ein Buch geschrieben, hält Vorträge.

Zero Waste hat mich unglaublich gepackt, entsprechend motiviert war ich. Und ich schrieb gerne. In Architekturmagazinen hatte ich schon ein paar Sachen veröffentlicht. Also habe auch ich mit einem Blog  angefangen. Auch um dieses Thema, das es in Deutschland noch gar nicht gab, ein wenig zu verbreiten. Alles, was ich seitdem so erfahren habe, habe ich da niedergeschrieben.“

2013 kündigte Olga Witt und suchte sich selbst auf Reisen

„Man kann mit Zero Waste relativ schnell viel Geld einsparen. Wenn man nämlich aufhört, sein ganzes Geld für Konsumgüter auszugeben. Und so hatte ich nach sechs, neun Monaten einiges zusammengespart. Ende 2013 habe ich gekündigt und bin ins Ausland gegangen, nach Südostasien, um mich zu orientieren. Klassische Selbstfindung. Die ersten drei Wochen haben mich zwei Freundinnen begleitet. Die sind dann zurück, ich bin dageblieben. Insgesamt ein halbes Jahr: Vietnam, Kambodscha, hauptsächlich Thailand, Laos, wieder Vietnam. Dazu gehörte eine Fahrradreise. Von Thailand nach Vietnam – alleine.“

Man konnte dort gut sehen, wie wir unsere Welt zerstören.
Olga Witt

„Was mir auffiel: In Deutschland sind wir unheimlich gut darin, unseren Müll zu verstecken. In Asien ist das andersherum. Der wenige Müll, den die haben, liegt überall rum. Die verbrennen den auf der Straße. Das ist mir sehr nahegegangen, ich habe ziemlich viel geheult auf der Reise. Weil man dort gut sehen kann, wie wir unsere Welt zerstören.

Auf dem Rad kam ich in Gegenden, die sonst kein Tourist besucht. Ich spielte mit Kindern im Fluss, die in einfachen Hütten wohnten. Die Menschen sahen keineswegs trauriger aus als wir. Mit wie viel weniger man gut leben kann! Die haben einen niedrigen Tisch, auf den sie die Speisen stellen, das war es an Möbeln. Da habe ich gelernt, die Normalitäten bei uns zu hinterfragen. Warum können wir nicht mehr auf dem Boden sitzen und glauben, Stühle und eine Couch zu brauchen? Woher kommen diese Bedürfnisse, die wir zu haben glauben?“

Zurück in Deutschland startete sie mit Zero Waste durch

„So richtig wusste ich nach dieser Zeit immer noch nicht, was ich mit meinem Leben machen will. Ich war nach Köln zurückgekommen, um meine Wohnung aufzulösen, die ich untervermietet hatte. Außerdem standen zwei Hochzeiten von Freunden an. Danach wollte ich wieder weg. Allerdings habe ich in dieser Zeit meinen jetzigen Ehemann kennengelernt, es hat sehr schnell gefunkt. Meine Wohnung hatte ich ja gekündigt. Da bin ich nach zwei Wochen bei ihm eingezogen. Hier in Sülz, ganz in der Nähe von unserem ersten Laden. Nach sechs Wochen waren wir verlobt, nach einem Jahr verheiratet.

Ich habe noch mal kurz bei einem Architekten angefangen, aber schnell wieder gekündigt. Wenig später erfuhr ich, dass ich schwanger bin. Mein Mann hat auch sehr schnell Gefallen an Zero Waste gefunden. Und so haben wir Anfang 2016 einen Onlineshop aufgemacht für jene Dinge, die man braucht, um müllfrei zu leben. Für einiges gab es schon Hersteller, manches gab es nicht. Wir fanden etwa keine Stofftaschentücher, dann haben wir die selbst hergestellt.

Außerdem haben wir eine Art Einkaufsgemeinschaft gegründet und angefangen, Lebensmittel in Großgebinden zu kaufen, um Müll zu sparen. Freunde und Nachbarn kamen vorbei, um sich aus großen Säcken Reis, Nudeln und Hülsenfrüchte abzuwiegen. Dazu der Onlineshop, ein Riesenbüro, alles voller Kartons. Immer mehr Ware, immer mehr Lebensmittelsäcke in der Wohnung. Und ich schwanger. Es war klar: Wir müssen was anmieten.“

Sie eröffnete Kölns ersten Unverpacktladen

„Und dann stand dieses Ladenlokal leer. Wir bekamen den Zuschlag. Nach einigen Gedankenspielen entschieden wir uns für das Geschäft. Köln hatte schließlich noch keinen Unverpacktladen. Zu zweit konnten wir das nicht stemmen. Und so habe ich eine Bekannte gefragt, die ich von einem meiner Workshops kannte. ‚Wann soll ich vorbeikommen?‘, schrieb sie zurück. Mit gut 40.000 Euro aus dem Crowdfunding konnten wir im Sommer loslegen.“

Im Laden geht es um gutes, altes Einkaufen – das Ganze aber moderner aufgezogen.
Olga Witt

„Dass wir den Laden ‚Tante Olga‘ nannten, ist natürlich eine Anspielung auf ‚Tante Emma‘. Die kleinen Läden arbeiteten ja viel abfallärmer als Discounter. Vor der Gründung hatte einer von uns den Namen vorgeschlagen. Erst haben wir alle gelacht. Aber später ist der Arbeitstitel einfach geblieben. Gutes, altes Einkaufen, werthaltige Produkte und die Möglichkeit, mit den Verkäufern zu reden. Das Ganze aber moderner aufgezogen: mit hygienischeren Spendersystemen und digitalen Waagen.

In Nippes haben wir den zweiten Laden aufgemacht. Weil es bei uns so voll geworden war, dass wir das entzerren wollten. Und weil es so viele Anfragen aus Nippes gab. Da war das auch so ein Glücksgriff, eine alte Metzgerei. Das wurde auch über Crowdfunding mitfinanziert. Es sind immer mehr Kunden geworden, beide Läden werden sehr gut angenommen."

Du warst noch nie in einem Unverpacktladen und weißt nicht, wie das Einkaufen dort funktioniert? Dann ist unser Ratgeber „Unverpackt Einkaufen“ genau die richtige Lektüre für Dich.

Als Mutter wollte sie mit Zero Waste nicht aufhören

„Ladeneröffnung, mein erster Sohn, mein erstes Buch: Alles war damals zusammengekommen. Eigentlich eine Katastrophe, wir hatten uns total überfordert. Aber die Frage, ob ich Zero Waste mit Baby weitermache, hat sich gar nicht gestellt. Das war für mich klar. Der Vorteil: Ich hatte ja noch nie ein Kind mit Müll gehabt. Ich habe mich nicht wahnsinnig machen lassen von dem Zeug, das man dann alles machen kann. Insgesamt habe ich nur geguckt: Was brauche ich im Moment, um das Kind zu versorgen – und was braucht das Kind von mir? Und das war gar nicht so viel."

Ihr erstes Buch „Ein Leben ohne Müll: Mein Weg mit Zero Waste“ ist im Tectum Verlag erschienen. Mittlerweile hat die Zero Waste-Pionierin auch ihr zweites Buch herausgebracht „Zero Waste mit Baby: Kleines Leben ohne Müll“.

Text: Markus Düppengießer

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