Liliia Lypivska auf dem Balkon ihrer Wohnung in Köln-Bickendorf
Foto: Costa Belibasakis

„Mein Umzug war eine spontane Entscheidung“

In dieser Rubrik treffen wir Menschen, die Dir in Deiner Nachbarschaft begegnen könnten. Liliia Lypivska kam 2018 aus der Ukraine nach Köln, weil ihr Sohn eine Krebsbehandlung brauchte, die er nur in St. Augustin bekommen konnte. Heute wohnt sie in einem GAG-Neubau am sogenannten Rochusplatz in Bickendorf.

Name

Liliia Lypivska

Geboren

11. Juli 1980

Beruf

Früher Unternehmerin, zurzeit angehende Zahnarzthelferin

In Köln seit

2018

Veedel

Bickendorf

Lieblingsort

Überall in Köln, besonders bei den Kranhäusern

 „Dass ich nach Deutschland umgezogen bin, war eine spontane Entscheidung. Das ist wirklich ungewöhnlich, oder? Am 6. Juni 2018 kam ich mit meinem älteren Sohn hier an – und bin geblieben. In der Ukraine, wo ich herkomme, hatten wir eigentlich alles. Ich war Unternehmerin und hatte drei Unternehmen: einen Franchise-Betrieb mit sechs Maniküre-Studios, ein Fast-Food-Restaurant und ich war Immobilienmaklerin. Mit meinen zwei Söhnen Mark und Pavel habe ich in einer großen Wohnung gelebt. Jeder von ihnen hatte sein eigenes Zimmer. Es ging uns gut, denn ich hatte immer viel Energie und konnte gut für uns und meine Mutter sorgen. Aber dann passierte etwas, das mein Leben in zwei Hälften teilte.“

Es war wie ein Spiel, bei dem man das Leben gewinnen konnte.
Liliia Lypivska

„Bei meinem älteren Sohn wurde 2017 ein Gehirntumor festgestellt. Er war damals erst 14 Jahre alt! Ich habe ein halbes Jahr lang nach einer guten Behandlung für ihn gesucht, habe mich sehr dazu eingelesen. Wir haben auch Ärzte aus dem Ausland konsultiert, darunter amerikanische, türkische und russische Spezialisten. Wir sind bis an die chinesische Grenze gefahren. Aber ich wusste nicht, wem ich vertrauen konnte. Was ich gelesen hatte und was ich von ihnen hörte, war nicht das Gleiche. Jeder sagte etwas Anderes und keiner etwas Genaues. Das hat mich schockiert. Ich war doch nur eine Mutter – und plötzlich war bei mir so eine verantwortungsvolle medizinische Zuständigkeit. Von meiner Entscheidung hing das Leben meines Sohnes ab!“

„Wie ich das geschafft habe? Ich sagte mir: Du hast zwei Möglichkeiten. Du kannst stark werden, viel lernen und deinen Sohn retten – oder du weinst, gehst in die Depression und kannst deinen Sohn verlieren. Also war es für mich keine Frage, was ich tue. Ich bin immer positiv, und mein älterer Sohn ist das auch. Es war wie ein Spiel, bei dem man etwas gewinnen kann, nämlich das Leben.“

Für die Krebsbehandlung gab es für sie nur eine Option: den Asylantrag

„Im Juni 2018 trafen wir in Solingen einen Spezialisten. Der sagte mir, dass er keine Kinder behandele, empfahl uns aber weiter nach St. Augustin zu Professorin Martina Messing-Jünger. Da war es endlich genau so, wie ich dachte, dass es laufen soll. Sie gab mir vorab einen genauen Überblick dazu, wie die Behandlung laufen sollte. Ihr konnte ich vertrauen. Allerdings mussten wir die gesamte Behandlung privat bezahlen, und das überstieg die Mittel, die ich hatte. Deswegen sah ich, um meinen Sohn zu retten, keine andere Möglichkeit, als einen Asylantrag zu stellen.

Am 7. Juli, nach der ersten Chemotherapie des Großen, flog ich in die Ukraine, holte meinen kleineren Sohn nach und kam sofort wieder zurück. Dann pendelte ich sechs Monate lang zwischen dem Flüchtlingslager und dem Krankenhaus hin und her. Inzwischen ist mein Sohn wieder vollständig gesund. Er macht eine Ausbildung in einem Reisebüro und besucht eine Berufsschule für Wirtschaft. Der kleinere geht noch zur Schule. Ich bin sehr, sehr dankbar für die Möglichkeiten, die wir hier bekommen haben! Das hier ist unsere zweite Heimat geworden. Ich liebe die deutschen Menschen. Sie sind sehr hilfsbereit, tolerant und menschlich.“

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Mit Sport möchte sie anderen Menschen helfen

„Nach unserer Ankunft belegte ich Deutschkurse und machte eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin. In diesem Beruf arbeite ich momentan. Jeden Morgen stehe ich um 5.30 Uhr auf und bin bis 21.30 Uhr beschäftigt, denn nebenher lerne ich weiter Deutsch, um das C1-Niveau zu erreichen. Ich möchte richtig gut Deutsch sprechen lernen, um zu verstehen, wie die deutschen Menschen denken, wie sie die Welt wahrnehmen. In der Ukraine habe ich ein Wirtschafts- und Marketingstudium abgeschlossen. In diesen Bereich würde ich später gerne wieder zurückgehen.“

„Außerdem möchte ich unbedingt etwas mit Sport machen, am liebsten in Form eines sozialen Projektes mit der GAG zusammen. Ich träume nämlich davon, mich zu bedanken für das Glück, das mir hier widerfahren ist. Sport wäre für mich eine Möglichkeit. Ich selbst hatte früher große Rückenprobleme, aber seitdem ich jeden Tag Pilates mache, habe ich sie nicht mehr und mein Rücken ist jetzt immer gerade. Als ich noch im Flüchtlingslager lebte, habe ich im Rheinpark Training für russischsprachige Menschen angeboten. Auch meine Kolleginnen trainieren manchmal mit mir. Weil ich in unserer früheren Unterkunft keinen Platz zum Trainieren hatte, hat mein Chef mir erlaubt, früher zu kommen und die Praxisräume dafür zu nutzen. Heute trainiere ich auch zu Hause auf meinem Balkon.“

Ich kann gar nicht genug sagen, wie dankbar ich bin.
Liliia Lypivska

„Mit meiner Erfahrung würde ich gerne auch andere Menschen unterstützen. Es ist mein Traum, etwas zurückzugeben. Alle hier haben mir geholfen, vom ersten Flüchtlingslager an. Ich kann gar nicht genug sagen, wie dankbar ich dafür bin. Ich kenne kein Land auf der Welt mit einer so starken und guten Sozialpolitik, wo man sich so gut geschützt fühlen kann. Ich hatte hier nie Angst.

Man kann sich so viel vornehmen! Ich wäre zum Beispiel eines Tages gerne das Gesicht von Calvin Klein. Energie geben mir auch die vielen schönen Bilder, die ich sehe, wenn ich täglich mit dem Rad durch Ehrenfeld und den Grüngürtel zu meiner Arbeit in die Stadt fahre. Für dieses Land möchte ich etwas Gutes tun.“

Text: Johanna Tüntsch