Auch Brot und andere Backwaren werden beim Foodsharing gerettet
Foto: Costa Belibasakis

„Ich bin vermutlich der Backwarenretter der Republik!“

In dieser Rubrik treffen wir Menschen, die Dir in Deiner Nachbarschaft begegnen könnten. Christian Horsters erzählt von seinem Leben als DJ der guten Laune und Foodsaver.

Name

Christian Horsters

Geboren

11. August 1955

Beruf

Rentner

In Köln seit

1977

Veedel

Agnesviertel

Lieblingsort

Flora

„Es kommt nur ganz selten vor, dass ich Videos auf Youtube schaue. Und doch waren es zwei Videos, die mein Leben ziemlich durcheinandergebracht haben. Bei dem ersten war ich der Hauptdarsteller. Das wusste ich nur damals noch nicht. Der Clip  machte mich zum DJ der guten Laune.“

„Und das kam so: Seit Jahrzehnten arbeite ich als DJ. Schon während Schule und Studium habe ich gelegentlich bei Partys aufgelegt, später auch neben meinem Bürojob. Und damals, im Jahr 2010, war es eine Hochzeit in Bergisch Gladbach. Ein Partygast filmte mich, während ich zwei Tracks von David Guetta spielte. Später erfuhr ich: Der Gast ist ein professioneller Kameramann. Er sagte, er will das Video auf einen Server stellen. Dass er es aber bei Youtube hochladen würde, war mir nicht klar. Als es dann noch bei Facebook geteilt wurde, ging das Video viral. In wenigen Wochen wurde es millionenfach geklickt. Der Kameramann hatte es DJ der guten Laune genannt, weil ich bei dem Stück so mitgehe – von ihm habe ich also diesen Namen.“

Ich habe so viel verdient, dass ich meinen Bürojob aufgeben konnte.
Christian Horsters

„Bald meldeten sich die ersten Agenturen, meinen ersten Job hatte ich in einer großen Disco in Frankfurt am Main. Das habe ich etwa ein Jahr gemacht. Außerdem war ich 2011 bei der Gamescom, legte an fünf Tagen jeweils fünfmal auf – und zwar für den Anbieter der DJ-Software, mit der ich arbeite. Ich habe damals an einem Wochenende so viel verdient wie vorher im ganzen Monat. Das war so viel, dass ich nach 28 Jahren meinen Bürojob aufgeben konnte.

Zunächst dachte ich daran, mich beruflich umzuorientieren. Aber ich bekam immer wieder Aufträge als DJ, bis ich vor einiger Zeit in Rente ging. Als DJ hatte ich damals schon genug Freizeit, um mich für den Umweltschutz zu engagieren. Das war immer schon ein emotionales Thema für mich.“

Taste the Waste war für ihn eine Handlungsaufforderung

„Dann kam das zweite Video ins Spiel: Im April 2012 habe ich den Film Taste the Waste vom Kölner Regisseur Valentin Thurn gesehen. Eine Doku darüber, wie viel Lebensmittel weggeworfen werden. Ich bin zwar schon seit Anfang der 80er Jahre Mitglied der Grünen, der Umweltschutz liegt mir also schon lange am Herzen. Aber das war eine konkrete Handlungsaufforderung für mich: Gegen diese Verschwendung musste ich was tun.“

Ich habe eine besonders emotionale Beziehung zu Backwaren.
Christian Horsters

„Angefangen habe ich bei der Kölner Tafel. Ich hatte die Aufgabe, die Brote, Brötchen und Teilchen, die Bäckereien gespendet hatten, in andere Körbe umzusortieren. Die wurden an Bedürftige verteilt. Dann kam das Thema Foodsharing auf. Dabei geht es darum, Lebensmittel vor dem Müll zu retten und weiterzugeben. Mitmachen darf jeder. Gerettete Lebensmittel werden über Essenskörbe für andere Kölner bereitgestellt oder zu sogenannten Fairteiler-Stationen gebracht und dürfen dann mitgenommen werden. Auch beim Foodsharing liegen mir insbesondere die Backwaren am Herzen.“

„Das hat mit meiner Kindheit zu tun. Ich bin in einem kleinen Dorf am Niederrhein aufgewachsen, meine Eltern betrieben eine Gaststätte. Ich musste selber gucken, dass ich wach werde und mir was zum Frühstücken besorgen. Also habe ich mich in aller Herrgottsfrühe in eine benachbarte Bäckerei gestohlen. Diese Atmosphäre, dieses Leben, dieser Geruch: Das fand ich toll. Dadurch habe ich eine besonders emotionale Beziehung zu Backwaren. Und so bin ich vermutlich der Backwarenretter der Republik geworden.“

Mir tut jedes Brötchen weh, das weggeschmissen wird.
Christian Horsters

„Nirgendwo kann man so viel retten wie in der Bäckerei. Im Supermarkt werden nicht einmal mehr 0,5 Prozent der Lebensmittel weggeworfen, bei Backwaren geht ein Drittel in die Tonne. Mir tut jedes Brötchen weh, das weggeschmissen wird. Und man muss kaum sortieren. 99 Prozent der Backwaren sind noch gut. Ist doch alles frisch! Nur halt vom Vortag, deswegen darf es nicht mehr verkauft werden. Von Graubrot sagt man, es müsse zwei Tage reifen. Nach einem Tag wird es entsorgt. Als würde man grüne Banane wegschmeißen.“

Und jetzt sucht er nach neuen Konzepten – neben Tafel und Foodsharing

„Von 4,5 Millionen Tonnen Backwaren, die im Jahr 2017 produziert wurden, wurden 1,7 Millionen weggeworfen. Das darf auf keinen Fall so bleiben. Ich fahre zweimal in der Woche im Morgengrauen zu einer Großbäckerei. Da war ich insgesamt schon 600-mal, mehr als 100 Tonnen habe ich selber vor der Mülltonne bewahrt. Alles schaffe ich nicht selbst, die zehnfache Menge wurde von Mithelfenden gerettet, also gut 1.000 Tonnen.“

Christian Horsters bestückt auch den Fair-Teiler vor der Alten Feuerwache in Köln
Foto: Costa Belibasakis

Wo Du die geretteten Lebensmittel findest? Was Du beachten musst? Wie Du selbst helfen kannst? All diese Fragen beantworten wir in unserem Ratgeber „Foodsharing in Köln“.

Zum Ratgeber

„Foodsharing ist eine gute Sache, das geht in die richtige Richtung und schafft ein anderes Bewusstsein. Allerdings finde ich die Verteilung über häufig unbeaufsichtigte Essenskörbe und Fairteiler-Stationen nicht optimal. Sie werden oft von Einzelnen in kurzer Zeit geplündert, immer wieder gibt es Streit um die besten Waren. Die Tafeln – deren Arbeit ich sehr respektiere – haben das Manko, dass man dort stigmatisiert wird. Meiner Meinung nach fehlt eine alternative Möglichkeit ohne Kontrolle der Bedürftigkeit. Darum habe ich eine neue Form von Lebensmittelvergabe entwickelt.“

Wir brauchen neue Konzepte für Köln.
Christian Horsters

„Im Agnesviertel, wo ich auch wohne, werden seit 2015 wöchentlich vor allem gerettetes Brot, Brötchen und Kuchen verteilt, jeden Mittwoch um 10 Uhr in der Thomaskirche. Seit Juni 2019 gibt es außerdem die ‚Lebensmittelausgabe für jedermann‘ in der Herz-Jesu-Kirche am Zülpicher Platz. Alle zwei Wochen werden hier samstags neben Backwaren auch Obst, Gemüse und Kühlwaren verteilt. Mittlerweile rette ich auch umfangreich Schnittblumen und Pflanzen – dienstags und donnerstags auf dem Wochenmarkt an der Apostelkirche.“

„Ich habe jetzt auch den Verein Food For Future Köln e.V. gegründet. Um unsere aufwendigen Verteilaktionen finanzieren zu können, bitten wir um Spenden. Das ist beim klassischen Foodsharing gar nicht erlaubt.

Aber auch das reicht nicht! Wir müssen weitere neue Konzepte für Köln erarbeiten. Es wird künftig sicher häufiger passieren, dass Großveranstaltungen kurzfristig abgesagt werden – etwa wegen eines Unwetters oder einer Krankheitsepidemie. Und das Essen, das für diese Veranstaltungen disponiert wurde, wird heute meist entsorgt. Künftig muss das anders gehen, für die Veranstalter muss es einen Plan B geben. Ich hoffe, dass wir eine Lösung dafür finden.“

Text: Markus Düppengießer

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