Roman Friedrich sucht den Liverpooler Platz in Chorweiler auf
Foto: Klaudius Dziuk

Unterwegs auf den Straßen von Chorweiler

In dieser Rubrik stellen wir Dir spannende Projekte aus den Veedeln vor. Diesmal dürfen wir GAG-Mitarbeiter Roman Friedrich bei seiner Arbeit in Chorweiler begleiten.

Dieser Mann hat schon die unterschiedlichsten Dinge gemacht: Er war Fitnesstrainer, hat bei einer Sicherheitsfirma gearbeitet, eine Ausbildung zum Floristen absolviert und geboxt. Aber das war früher, erst in der sibirischen Millionenstadt Omsk, später in Leer in Ostfriesland. Seit 2007 ist Roman Friedrich Streetworker in Chorweiler: Da nützt ihm jede dieser Erfahrungen auf unterschiedliche Weise.

„Streetwork hat vier Säulen“, erzählt er, während er mit federnden Schritten durch die Florenzer Straße geht. Links von ihm befindet sich ein Parkhaus, rechts sind die asphaltierten Vorplätze der Hochhäuser und ein Seiteneingang zum City Center Chorweiler. „Die erste Säule ist das Aufsuchen. Ich gehe auf die Straße und rede mit den Menschen. Die zweite Säule ist das Netzwerk im Veedel, also Gemeinwesenarbeit. Dazu gehört es, zu schauen, wie wir Probleme infrastrukturell abwehren können, damit sie gar nicht erst entstehen. Die dritte und vierte Säule sind Einzelfallhilfe und Gruppenarbeit“, erklärt Friedrich.

Wenn man sich mit Herzblut für die Leute einsetzt, dann spricht sich das herum.
Roman Friedrich

Unterwegs heben immer wieder Menschen grüßend die Hand, wenn Roman Friedrich vorbeikommt. Die meisten von ihnen sind junge Männer. Der Streetworker ist in seinem Veedel bekannt – und offensichtlich beliebt. Das war nicht immer so, erzählt Roman, der seit 2016 bei der GAG Immobilien AG angestellt ist und vorher den gleichen Job für andere Träger im Stadtteil machte: „Anfangs dachten die Leute, ich wäre ein städtischer Mitarbeiter. Gegen solche Personen haben manche hier ein angeborenes Misstrauen, besonders diejenigen, die aus totalitären Regimen kommen. Aber damit hatte ich gerechnet.“ Entmutigen ließ er sich davon nicht – und wurde irgendwann schließlich doch akzeptiert: „Wenn man sich mit Herzblut für die Leute einsetzt, dann spricht sich das herum.“

Eigene Erfahrungen im Gepäck

Immerhin waren auch die Erfahrungen seiner eigenen Jugendzeit nicht ohne. Omsk ist eine Industriestadt, die in den 1990er Jahren durch die Folgen der Perestroika große Umbrüche erlebte. Das ging auch an Roman und seinen damaligen Altersgenossen nicht spurlos vorbei. Drogen spielten für viele von ihnen eine Rolle. „Es gab auch Sportler, die abgedriftet sind, weil sie Suchtmittel für harmlos gehalten haben“, erinnert sich Friedrich.

Und nicht nur das: Einige seiner früheren Klassenkameraden starben durch die Drogen. Das schockierte den Heranwachsenden, der in dieser dunklen Zeit ein Vorbild fand: „Es gab einen Boxtrainer, der uns von der Straße holte.“ Durch ihn begann er, sich für Streetwork zu interessieren und selbst in diesem Bereich aktiv zu werden, damals noch ehrenamtlich.

Vom Floristen zum Streetworker

Dass Roman Friedrich mit 21 Jahren nach Deutschland kam, hatte er selbst eigentlich nicht so geplant. „Ich hatte Jobs bei einer Sicherheitsfirma und in einem Fitnessstudio. Ich wollte nicht weg“, erinnert er sich. Seine Eltern hatten aber, weil ein Teil der Verwandtschaft in Deutschland lebte, einen Antrag auf Familienzusammenführung gestellt. Als klar war, dass sie nach Leer in Ostfriesland umziehen würden, erklärte er sich bereit, probehalber mitzukommen. Neugierig war er ja doch.

Es stellte sich heraus: „Leer ist ein schöner Ort – für Rentner.“ Auch die Ausbildungsmöglichkeiten waren begrenzt. Roman entschied sich für die Lehre als Florist, in der Hoffnung, sich damit einmal selbständig machen zu können. Doch dann kam die Umstellung auf den Euro, und in Verbindung mit dieser wirtschaftlichen Veränderung hatten die kleinen Geschäfte es schwerer. „Blumen wurden auf einmal zum Luxusprodukt. Man leistete sie sich nicht mehr als kleines Mitbringsel zwischendurch“, berichtet der gelernte Florist: „Von heute auf morgen hatte sich die Situation verändert, viele kleine Blumenläden mussten schließen.“

Chorweiler ist für mich ein Qualitätssiegel.
Roman Friedrich

So kam Roman Friedrich schließlich 2001 nach Köln. Heute bildet er als Streetworker der GAG ein Team mit seinem Kollegen Hassan Fakhir, einem Sohn marokkanischer Eltern, der in Chorweiler aufgewachsen ist. Blumen arrangiert er heute höchstens noch privat: „Das gehört allein meiner Frau“, sagt er und zwinkert. Ein Florist als Streetworker in Chorweiler – finden das die Jungs, die er auf den Straßen anspricht, nicht uncool? Nein, erklärt er: „Viele hier haben schon viele Jobs gemacht. Das unterscheidet die Menschen aus Chorweiler von anderen. Sie packen ihr Leben in ihre Hände und entwickeln dabei eine für Chorweiler typische Durchsetzungsfähigkeit. Das ist für mich ein Qualitätssiegel.“

Seine Runde hat ihn mittlerweile durch die Lyoner Passage und über den Pariser Platz geführt. Über den Liverpooler Platz geht es jetzt zur S-Bahn-Station.

Typisch Chorweiler? Zusammenhalt!

So sehr der Streetworker sonst ein Fan seines Stadtteils ist, so schonungslos spricht er über die örtliche S-Bahn-Haltestelle: „Hier fehlt die vermehrte Präsenz von Ordnungskräften. Das ist ein Ort, an dem man sich unwohl fühlt, besonders abends.“ Tagsüber sieht es dagegen ganz anders aus. Eine städtebauliche Schönheit ist der kleine Bahnhof zwar nicht, doch die Stimmung unter den Passanten ist entspannt und freundlich. Viele kennen einander.

Am Kiosk begrüßt der 26-jährige Kirazli Ali-han seine Stammkunden und weiß gleich, was sie wollen. Hier legt Roman Friedrich einen kurzen Stopp ein. „Ich kenne Roman durch seine Arbeit als Streetworker. Ihm vertrauen wir“, sagt Alihan, der hier aufgewachsen ist. „Er hat schon Freunden von mir bei der Wohnungssuche geholfen. Die Leute hier kommen mit der Bürokratie nicht so gut klar.“ Gefragt, was für ihn typisch Chorweiler ist, antwortet er wie aus der Pistole geschossen: „Zusammenhalt!“

Wissen, wann man spricht – und wann nicht

Außerhalb des Bahnhofes treffen wir auf Eddy Devecioglu, der sofort strahlt, als er den GAG-Mitarbeiter sieht: „Hey, Roman! Wie geht's? Bist du noch mit deiner Frau zusammen?“ Roman bleibt stehen. „Ja, klar. Schon 22 Jahre! Manchmal stellt sie mir die Koffer vor die Tür, aber ich stelle die dann einfach wieder zurück“, lacht er gut gelaunt: „Und wie geht es dir?“ Wissen, wann man stehenbleiben und wann man weitergehen muss, das ist die Kunst des Streetworkers.

„Ich zwinge mich niemandem auf, aber ich suche Gespräche“, das ist sein Grundsatz. Umso lieber kommen die Menschen, inzwischen seit vielen Jahren, von selbst auf ihn zu. „Roman ist immer eine große Hilfe – mit der Wohnung, bei privaten Sachen oder Ärger mit der Arbeit. Er ist einfach immer für uns da“, bilanziert Eddy.

Text: Johanna Tüntsch 

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