Leben und Wohnen im Kölner Veedel Rath-Heumar
Foto: Thilo Schmülgen

Rath-Heumar. Alle haben Bock.

In dieser Rubrik betrachten wir das Leben und Wohnen in Köln. Die Bewohner nennen Rath-Heumar liebevoll ihr „Dorf“. Den typischen Strukturproblemen unserer Zeit begegnen sie mit Enthusiasmus und Engagement.

Entertainer „Linus“

„Hier gibt’s doch alles“

„Mythos“ steht auf dem grünen Fläschchen mit griechischem Bier. Schmankerl wie diese reicht die nette Dame im griechischen Imbiss an der Rösrather Straße, dessen Scheckheft-gepflegte Salatauslage Eindruck macht. Vor dem Fenster wälzt sich die Karawane der Feierabendreisenden vorbei, Richtung Königsforst hinaus ins Bergische Land.

Rath-Heumar liegt, wie Immobilien-Makler sagen würden, „verkehrsgünstig“ – also etwas vom Schuss, aber ganz gut angebunden. Vom berüchtigten „Dreieck Heumar“ (auch so ein Mythos), auf dem sich täglich zahllose Pendler von den Autobahnen A3, A4 und A59 knubbeln, spürt man im Stadtteil wenig. Mit der Straßenbahnlinie Nummer neun, die hier an der Haltestelle Königsforst endet, sind es nur 19 Minuten bis zum Neumarkt.

Aber was will, wer ein echter Rath-Heumarer ist, in der Kölner Innenstadt? „Hier gibt’s doch alles!“ sagt Michael Büttgen. Zum Mythos hat‘s der Musiker und Moderator bisher nicht gebracht, dafür erzählt er viel zu gern, unter seinem Künstlernamen „Linus“ aber ist er ein bunter Hund im „Dorf“. „Tolle Kneipen und Restaurants, Klamottenläden, Supermärkte, Bäcker, Ärzte … Ich geb‘ mein Geld hier im Ort aus.“

Wenn das alle so machen würden, sähe es links und rechts auf der Rösrather Straße einladender aus. Linus ist nicht entgangen, „dass es immer weniger wird, gerade stehen wieder drei, vier Läden auf der Kippe“. Wie überall sonst auch verlieren die Anbieter am Ort Kundschaft an den Online-Handel. Linus kennt das aus eigener Erfahrung: „Manche sagen ganz offen: Danke fürs Anprobieren, aber ich hab‘ das Teil im Internet sechs Euro billiger gesehen.“

2011 ist Linus, gebürtiger Deutzer, ins Dorf gezogen und ein aktiver Teil des Lebens geworden – nicht nur, weil er mit Kumpel Bömmel Lückerath, dem Rather Mitglied der Bläck Fööss, die Spaßband „King Forest Allstars“ unterhält, sondern vor allem wegen seines Antiquitätenhandels „Königslust“. Zwei Ladenlokale an der Rösrather sowie ein Lager an der Eiler Straße nennt er sein Eigen, dazu noch eine Filiale im Severinsviertel. Eine gesunde Einzelhandels-Infrastruktur liegt ihm also nicht nur aus idealistischen, sondern auch aus geschäftlich-pragmatischen Gründen am Herzen.

„Zum Glück muss ich nicht vom Antiquitätenhandel leben“, sagt Linus, als Show-Macher auch nach seinem Abschied von der „Talentprobe“ dick im Geschäft, etwa mit der „Bläck Fööss Sylvesterparty“ am 31. Dezember 2018 in der Lanxess Arena. „Wir kaufen viel zuviel an, weil wir’s schön finden, nicht weil wir davon reich werden“, gibt er zu und schielt auf einen Hundeschlitten, der sich in einem winterlichen Königsforst sicher schick machen würde – wenn man geeignete Hunde zur Hand und Schnee unter den Kufen hätte.

Büdchenbesitzer Pascal Sülzner

„Mir geht’s gut hier“

Ein paar Häuser stadteinwärts guckt Pascal Sülzner aus der Fensterluke seines „Rather Büdchens“, das mit „41 Sorten Haribo“ um Aufmerksamkeit wirbt. „Es ist schon ein ganz anderes Publikum als in Kalk, wo ich vorher gewohnt habe: Ausländer fallen hier voll auf, dafür sind viel mehr Omas unterwegs“, erzählt der jugendlich wirkende Inhaber, der den Kiosk gerade erst übernommen hat. „Es ist viel ruhiger hier, aber halt auch spießiger. Als wir hier zum Einstand einmal ein bisschen lauter waren, hatten wir direkt Ärger mit dem Ordnungsamt.“

So richtig umgesehen hat Sülzner sich noch nicht – kein Wunder: Sein Kiosk hat sieben Tage die Woche geöffnet. Lokale Besonderheiten wie das Gestüt Röttgen (das größte Deutschlands!) oder die denkmalgeschützte Göttersiedlung muss er erst noch entdecken. Immerhin aber waren die Einnahmen in seinem ersten Geschäftsmonat okay. „Es gibt noch vier andere Büdchen im Stadtteil, aber wir kommen uns nicht in die Quere.“ Wenn mal weniger los ist, zockt er Karten mit seinen Jungs, die ihm gerne Gesellschaft leisten. „Mir geht’s gut hier.“

Team des ersten Rather Weihnachtsmarkts

„Alle freuen sich, alle haben Bock“

Das trifft offenbar auch auf die Macher des Rather Weihnachtsmarkts zu, der am zweiten Adventswochenende mit 16 Hütten auf dem Platz vor dem Bürgerzentrum eröffnen soll – zum allerersten Mal: „Vier Mädels saßen zusammen und haben sich das ausgedacht“, erzählt Patric Fouad, einer der Organisatoren. „Wenn wir gewusst hätten, was das für eine Arbeit ist …“

Seit Anfang Oktober trifft sich das elf-köpfige Kernteam täglich abends und an den Wochenenden, um das Holz für die Hütten und den Hüttenbau, Strom, Wasser, Toiletten, Sponsoren, Versicherungen, Gema-Gebühren, Zelte, Bühnenprogramm, noch mehr Helfer und dergleichen zu organisieren.

Sowas tut sich nur an, wem es gut geht. Auf Tom Ennenbach, der seine Erfahrung als Mitorganisator der Musikfestivals Rath-Heumar in die Weihnachtsmarkt-Initiative einbringt, trifft das offenbar zu: „Alle freuen sich, alle haben Bock!“ Beste Voraussetzungen also, einen neuen Mythos zu begründen.

Text: Sebastian Züger

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