Leben und Wohnen im Kölner Veedel Humboldt-Gremberg
Foto: Thilo Schmülgen

Humboldt/Gremberg. Veedel der Vielfalt.

In dieser Rubrik betrachten wir das Leben und Wohnen in Köln. Wer in Köln-Chorweiler lebt, lebt mit Klischees. In Humboldt/Gremberg ist Multikulti kein verwittertes Klischee, sondern lebendige Realität. Taugt der eher unbekannte Stadtteil im Kölner Osten als Vorbild für das friedliche Zusammenleben vieler Nationalitäten?

Anwohnerin Fatma Sucu-Simsek

„Die Lage ist ideal“

Denkt man an Köln, denkt man an den Dom, an den Rhein und seine Veedel, an die Südstadt, Nippes, Ehrenfeld, vielleicht auch an Müngersdorf, Rodenkirchen, Mülheim, Chorweiler oder Porz. Aber wer, bitteschön, denkt an Humboldt/Gremberg, den rechtsrheinischen Schrägstrich-Stadtteil zwischen Kalk im Norden und Poll im Süden?

Ganz bestimmt die gut 15.000 Einwohner, die dieses quirlige, einladende Veedel bevölkern. Wer von Kalk kommend die S-Bahn-Unterführung durchquert, findet sich auf einer Art Flaniermeile wieder. Sobald die Sonne ein paar Strahlen schickt, sind die Tische der Imbissbuden und Cafés auf den breiten Bürgersteigen gut besetzt. Ein buntes Volk tummelt sich dort, Nationalitäten und Migrationshintergründe aus aller Welt. „Als ich Kind war, waren vor allem Türken hier, aber das ist nicht mehr so“, sagt Fatma Sucu-Simsek (31). „Hier leben Marokkaner, Italiener, Serben, Bosnier, Russen, Israelis und noch viele mehr zusammen. Ich finde das gut. Hier lernen meine Kinder gleich, mit verschiedenen Mentalitäten klarzukommen.“

Von einem zweijährigen Ausflug nach Holweide abgesehen lebt Fatma seit ihrem 10. Lebensjahr in Humboldt-Gremberg. „Die Lage ist ideal“, sagt sie. „Deutz und Kalk mit ihren Einkaufsmöglichkeiten sind gleich ums Eck, mit der S-Bahn ist man in ein paar Minuten in der Innenstadt.“ Das Viertel selbst bietet Fatma, die mit ihrem Ehemann Ugur Sohnemann Talha (5 Jahre) und Töchterchen Erva (5 Monate) versorgt, zwar nur das Nötigste: eine Backstube, einen Lebensmittel- und einen Klamotten-Discounter.

Trotzdem liebt die türkisch-stämmige Kölnerin ihr Veedel, in dem heute, wie sie findet, eine völlig andere Grundstimmung herrsche als in ihren Kindertagen: „Damals hatte ich oft Gefühl, dass kein Kind auf der Straße ist. Inzwischen sind viele junge Familien hierhergezogen, die Spielplätze wurden erneuert. Der Humboldt-Park ist richtig schön geworden, da sind wir fast jeden Tag.“

Anwohnerin Johanna Puhl mit Willi Wrinkels

„Ich wohne hier seit 2000 – aus Überzeugung“

Beim Kinderturnen des VfB 05 hat Fatma Johanna Puhl kennengelernt, Mutter von Mathilda (6) und ohne Migrationshintergrund. In Humboldt-Gremberg fällt das auf. „Man lernt üblicherweise nur Leute aus seinem eigenen Milieu kennen“, erklärt sie. „Aber von meinem quasi-deutschen Milieu gibt es hier ja nicht mehr so viel.“ Johanna genießt es, alle paar Meter auf bekannte Gesichter zu treffen und einen kleinen Plausch zu halten, wenn sie mit Mathilda und Lebensgefährte Willi durchs Veedel spaziert. „Da ergeben sich immer wieder spontane Aktivitäten mit anderen Eltern.“

Zurzeit ist wieder Nachwuchs unterwegs. Schon seit zwei Jahren sieht sich die Familie im Viertel nach einer 4-Zimmer-Wohnung um, doch davon „gibt es gefühlt nur ein oder zwei“. Aber Wegziehen wie so viele andere in den vergangenen Jahren kommt Johanna nicht in den Sinn: „Ich wohne hier seit 2000 – aus Überzeugung.“

Wirt Dieter Kuhn

„Wir haben hier keine dominierende Nation“

Eine Überzeugung, die Dieter Kuhn ein wenig abhandengekommen ist. Dabei ist er schon seit 1969 hier. Damals galt das Quartier mit der angrenzenden Chemischen Fabrik Kalk, der Akkumulatorenfabrik Gottfried-Hagen und Klöckner-Humboldt-Deutz als „größtes Industriegebiet Nordrhein-Westfalens“, wie er zu berichten weiß. Zehntausende Arbeiter tranken nach der Schicht in einer der rund zwei Dutzend Veedelskneipen ihr Feierabend-Kölsch. Heute fühlt sich Kuhn – damals Angestellter bei Nixdorf, inzwischen seit 25 Jahren Wirt des Haus Bayer – wie einer der letzten Mohikaner. „Die Alteingesessenen, die noch übrig sind, kannst du an einer Hand abzählen: Elektro Löffelholz, das Beerdigungsinstitut, Eisenwaren Berger, der Taunushof, meine Wenigkeit …“

Den Wandel nimmt Kuhn hin. Er lasse sich ohnehin nicht aufhalten, sagt er, und statt Kölsch trinken nun eben immer mehr Anwohner Tee. Trotzdem – Aufgeben kommt für Dieter Kuhn nicht infrage: „Wenn du 50 Jahre lang irgendwo lebst, fühlst du dich zuhause. Zwangsläufig.“ Der Vielfalt der Ethnien, die in den zurückliegenden Jahrzehnten nach Humboldt/Gremberg kam, kann er durchaus Positives abgewinnen: „Wir haben hier keine dominierende Nation wie in manchen anderen Stadtteilen, keine ghettoartigen Zustände.“

Diese Ansicht teilt er mit Fatma Sucu-Simsek. Sie spricht aus, was Kuhn nicht sagen will: „Ich würde mir wünschen, dass wieder mehr Deutschstämmige hier wären. Damit es mehr Austausch gibt und mehr Kontakt zwischen Deutschen und Ausländern.“ Sie träumt von einer Gesellschaft, die in der Unterschiedlichkeit der Menschen nicht in erster Linie das Trennende sieht, sondern das Potenzial, gemeinsam etwas zu bewegen. „Ich spüre es gerade bei der Jobsuche am eigenen Leib: Mutter, ausländischer Nachname und Kopftuch – mit der Kombination bekomme ich nur Absagen, trotz Abitur und Studium.“ Auf die Bedeckung zu verzichten, ist keine Option. „Du läufst ja auch nicht ohne Hose rum!“

Wer weiß? Vielleicht geht Fatmas Traum ja in Erfüllung? Vielleicht denkt man bald bei Humboldt/Gremberg an einen beispielhaften Stadtteil, in dem alle Bewohner ungeachtet ihrer Herkunft, ihrer Religion und ihres Geschlechts frei und gleichberechtigt leben und arbeiten können.

Text: Sebastian Züger

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