Leben und Wohnen im Kölner Veedel Höhenberg
Foto: Thilo Schmülgen

Höhenberg. Arm, aber mächtig.

In dieser Rubrik betrachten wir das Leben und Wohnen in Köln. In Höhenberg treffen wir unter anderem Pfarrer Franz Meurer. „Wer’s macht, hat die Macht!“ lautet sein Leitsatz, den sich die Menschen aus dem Veedel zu eigen gemacht haben. Denn einige Höhenberger mögen zwar Schulden haben, dafür hat das Veedel aber Menschen, die anpacken.

Kerstin Stangier Sozialraumkoordinatorin

„Viele bleiben ein Leben lang verbunden und engagiert“

Höhenberg gilt zusammen mit dem benachbarten Vingst als Kölns Armenhaus. Rund ein Viertel der zusammengerechnet 26.000 Einwohner plagen Schulden. An diesem Platz neben der KVB-Haltestelle ahnt man davon an diesem sonnigen Herbsttag nichts, im Gegenteil: Eine Skateanlage, so nagelneu und blitzeblank wie diese an der Frankfurter Straße, hat derzeit kein anderes Veedel zu bieten. Fast 900.000 Euro – überwiegend aus Landesmitteln – hat sie gekostet, und offenbar ist jeder Euro gut investiert: Skater und Boarder, Scooter- und BMX-Fahrer sorgen auf den Buckeln und Bahnen für ein Verkehrsaufkommen fast wie nebenan auf dem Autobahnkreuz Köln-Ost.

Die meisten von ihnen kennen es kaum anders. „Höhenberg ist eng. Außer dem einzigen Jugendtreff an der Fuldaer Straße gibt es nur die Merheimer Heide als Rückzugsort für junge Leute“, sagt Kerstin Stangier, Sozialraumkoordinatorin für die rechtsrheinischen Kölner Stadtteile Höhenberg und Vingst, die von den meisten ihrer Bewohner als einer begriffen werden. Symbolisch steht dafür das HöVi-Land, seit bald 30 Jahren Sommer für Sommer die wichtigste Ferieninstitution für rund 500 Kinder aus den umliegenden Veedeln. Auch Stangier ist ein „HöVi-Kind“, erst als Panz, später als Jugendleiterin.  „Viele, die als Kinder dabei waren, bleiben ein Leben lang verbunden und engagiert.“

Pfarrer Franz Meurer

„HöVi ist mein Schicksal“

Die Höhenberger mögen wenig Geld haben, dafür aber Menschen, die anpacken. Einer von ihnen hat es mit seinem Motto „Wer‘s macht, hat die Macht“ sogar zu stattlicher Prominenz über die Veedelsgrenzen hinaus gebracht. Seit rund 30 Jahren steht Pfarrer Franz Meurer der katholischen Gemeinde vor. „HöVi ist mein Schicksal“, sagt der gebürtige Mülheimer, aufgewachsen in der Bruder-Klaus-Siedlung, und er meint das ganz frei von Ironie oder Melodramatik. Die Höhenberger, die Vingster und ihr Priester, das ist bis heute eine glückliche Fügung.

„Er öffnet durch seine zupackende Art viele Türen“, sagt Kerstin Stangier. „Er aktiviert und unterstützt die, die was machen wollen.“ Doch auch einem Hans-Dampf-Geistlichen wie Meurer wird irgendwann die Puste ausgehen. Gerade hat er seinen 70. Geburtstag gefeiert und spricht davon, „zunehmend in die zweite Reihe“ rücken zu wollen. Stangier hofft und glaubt, dass „die Strukturen inzwischen so gefestigt sind, dass es auch ohne ihn weitergeht“. Meurer ist davon überzeugt. Er freut sich über die Wochenandacht, über die Firmvorbereitung, die in seiner Gemeinde ausschließlich Frauen leisten, und über einen Kantor, der in St. Elisabeth gerade mit Jugendlichen ein eigens komponiertes Musical einstudiert. „Die Leute hier“, sagt Meurer, „die Leute halten wie jeck zusammen.“

Günter Pütz vom FC Viktoria Köln

„Da wächst was, aber das dauert noch“

Das müssen sie auch – ganz besonders und immer wieder nebenan im Sportpark Höhenberg. „2010 waren wir mausetot“, sagt Günter Pütz, seit bald zehn Jahren Präsident des FC Viktoria Köln. Seit der Neugründung in Nachfolge des insolventen SCB hat sich der Verein nicht zuletzt dank des potenten Investors Franz-Josef Wernze zurück in den Profifußball gekämpft und als Ausbildungsverein einen Namen gemacht. Die Erste Mannschaft spielt in der Dritten Bundesliga, die U19 sogar erstklassig – bestückt mit vielen Talenten aus dem rechtsrheinischen Umfeld. Ein Erfolg mit Folgen: „Wir brauchen dringend mehr Platz“, sagt Pütz. Doch der ist gegenwärtig nicht in Sicht.

Der große Rivale auf der anderen Rheinseite hat ähnliche Probleme, aber Pütz stellt klar: „An den Effzeh kommt keiner ran. Die könnten in die Oberliga absteigen und hätten trotzdem volles Haus.“ Die Viktoria hingegen kommt auf einen Heimspiel-Schnitt von rund 3.000 Zuschauern. Ein Aufstieg in Liga zwo wäre ein großer Traum, sagt Pütz. „Wir haben einige Spieler aus der eigenen Jugend in der Ersten Mannschaft. Da wächst was, aber das dauert noch.“ Aber wer weiß? Seit mit Andreas Rettig ein prominenter Sportdirektor am Werk ist, ist der Traum vielleicht ein wenig realistischer geworden.

Feinkostgeschäft Oma Lore

„Die Leute freuen sich, dass es hier sowas gibt“

Wer wachsen will, muss gut essen. Dafür sorgen „Die Jungs“ Sascha und Torsten Wett in ihrem todschicken Feinkostgeschäft Oma Lore mit eingebauter Fernsehküche und Foodblog-Studio. Knapp 30.000 Hobby-Gourmets folgen den beiden auf Instagram, die ZDF-Sendung „Volle Kanne“ kommt immer wieder zum Kochen. Was das mit Höhenberg zu tun hat? „Die Leute, die zu uns in den Laden kommen, freuen sich, dass es hier sowas gibt“, sagt Sascha, der selbst in Kalk lebt. „Das Rechtsrheinische wird immer noch ziemlich stiefmütterlich behandelt und auch so gesehen.“ Er hofft darauf, dass in der Nachbarschaft bald ein nettes Café oder etwas Vergleichbares öffnen möge, denn gastronomisch sei Höhenberg eine Wüste.

Da gibt ihm Kerstin Stangier recht. „Es fehlt eine zentrale Anlaufstelle, eine schöne Gastro und ein Platz, an dem man sich begegnen kann“, sagt sie. Bis vor kurzem noch erfüllte die griechische Kneipengastro Sokrates diesen Zweck, doch die musste schließen. „Soki fehlt“, sagt Stangier, bleibt aber – ganz HöVi-Kind – optimistisch. „Hauptsache, wir bleiben im Machen!“

Text: Sebastian Züger

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