Leben und Wohnen im Kölner Veedel Bilderstöckchen
Foto: Thilo Schmülgen

Bilderstöckchen. Außer Hupen nichts Lautes.

Wie war noch mal das kölsche Wort für „Selfie-Stick“? Genau: Bilderstöckchen! Den Gag dürften die meisten Menschen aus Köln kennen, doch das war es wohl an verbreiteten Kenntnissen über diesen trotz seiner räumlichen Ausdehnung leicht zu übersehenden Ortsteil Kölns.

Irgendwo zwischen Nippes und Ehrenfeld hat Bilderstöckchen sagenhafte 3.765 m2 Platz gefunden. Damit übertrifft es seine Stadtbezirkskapitale Nippes ebenso an Größe wie Ehrenfeld, Kalk oder Chorweiler. 16.000 Menschen nennen dieses Veedel ihr Zuhause, wobei Bilderstöckchen in mindestens drei unterschiedlichen Erscheinungsformen auftritt: als ausgefranstes Wohn-Gewerbe-Gemisch südlich des Gürtels, als kompakt gewachsenes Wohnquartier nördlich davon oder als recht improvisiert wirkendes Gewerbegebiet Richtung Longerich. Plattenbau-Appartement, Hinterhofquartier oder Einfamilientraum mit Vorgarten? Bilderstöckchen hat sie alle.

Sozialraumkoordinatorin Brigitte Jantz

„Wie entwickelt man das Veedel weiter …?“

Die zuständige Sozialraumkoordinatorin Brigitte Jantz kommt zwar nur zum Arbeiten hierher. Dennoch kann kaum jemand so kundig und enthusiastisch über Bilderstöckchen erzählen wie die Biologie-Doktorin, die seit 2008 im Netzwerk e.V. tätig ist. Seit 2016 leitet sie die Bilderstöckchen-Konferenz, eine Art soziales Veedelsparlament, das bereits seit 1987 fünf- bis sechsmal im Jahr mehr als 40 Einrichtungen, Dienste, Vereine, Initiativen und Aktive versammelt und damit Vorbild ist für zahlreiche vergleichbare Institutionen in Köln.

Solch etablierte Strukturen sind hilfreich, um Impulse von außen gewinnbringend zu nutzen. „Als die Stadt das Programm Lebenswerte Veedel aufgelegt hat, hatten wir den Vorteil, dass wir die Bedarfe der Menschen in Bilderstöckchen schon gut kannten“, erzählt Brigitte Jantz. „Andere mussten dafür erst ein geeignetes Gremium entwickeln.“

Seit ihrem Dienstantritt ist viel passiert. Eine der neueren Errungenschaften Bilderstöckchens neben dem großen ICE-Ausbesserungswerk, das die Anwohner immer wieder durch ohrenbetäubende Hupentests an seine Existenz erinnert, ist der Klimapark. Auf einer vormals brachliegenden Grünfläche zwischen Robert-Perthel- und Longericher Straße ackern Anwohner – unterstützt von lokalen Unternehmen und der Stadt Köln – für einen besonders „klimafreundlichen Stadtteil“. Womöglich sind die Menschen aus Bilderstöckchen also auch diesmal wieder beispielgebend.

Allerorten im Veedel ragen Kräne in den Himmel – bauen, sanieren, transformieren. „Das ist die große Aufgabe“, sagt Jantz. „Wie entwickelt man das Veedel weiter, ohne die vorhandene Bevölkerung zu verdrängen?“ Die Antwort gibt sie selbst: „Sozialräume sollten immer so gegliedert sein, dass Mischgebiete entstehen, in denen Menschen aus benachteiligten Verhältnissen mit Menschen ohne Unterstützungsbedarf zusammenleben.“

Der Schiefersburger Weg ist so etwas wie die Einkaufsmeile Bilderstöckchens. Um einen kleinen Platz haben sich diverse Anbieter angesiedelt: eine Pizzeria und ein Café mit Blumenverkauf, eine Fotografin, ein Kosmetikstudio und ein Büdchen. „Ihr wisst schon, dass es uns hier vielleicht bald nicht mehr gibt?“, spricht uns eine Geschäftsfrau an, die ihren Namen lieber nicht in diesem Zusammenhang lesen möchte. Der Inhaber, Immobilien-Ableger eines Versicherungskonzerns, will die sanierungsbedürftigen Bauten aufwerten oder komplett neu bauen. Die Ladenbetreiber sind verunsichert, zumal einige viel Geld in ihre Ausstattungen investiert haben.

Diplom-Braumeister Peter Esser

„Das ist der Petermann – er gilt als Freiheitskämpfer“

Ein paar Straßenecken weiter bekommt Peter Esser von derlei Auseinandersetzungen wenig mit. Der Diplom-Braumeister, bekannt für die Braustelle in Ehrenfeld, betreibt im Südteil Bilderstöckchens seit 2018 die Destillerie Pittermanns, die neben Gin, Genever und Likören Kölns ersten und – bisher jedenfalls - einzigen Whisky herstellt. Unchained heißt der dreijährige Single Malt, dessen Etikett ein Schimpanse ziert. „Das ist der Petermann“, erklärt Esser. „Der ist in den 1980er Jahren aus dem Kölner Zoo ausgebrochen und wurde auf der Flucht erschossen. Seitdem gilt er als Freiheitskämpfer.“ Wer Essers verschmitzten Witz sowie seine Brau- und Brennkunst aus der Nähe beschnuppern möchte, kann das immer freitagnachmittags tun. Dann ist seine Destillerie für Tastings und Führungen geöffnet.

Petra Kortenhorn von der Kahnstation

„Alles entspannt, nichts Lautes“

Und danach? Raus zu Petra und Thomas Kortenhorn, Betreiber der Kahnstation im Blücherpark und Ikonen des Kölner Partybetriebs. Tagsüber versorgen sie Familien und Kinder mit Eis, Kaffee und mehr: „Keine Fritten, kein Schnaps, kein Plastikmüll!“. Abends und an Wochenenden versorgen sie Feierlaunige mit Kleinkunst, Tanz und Musik. „Alles entspannt, nichts Lautes“, sagt Petra. Umso mehr ärgert sie der vorgeschriebene Zapfenstreich um 22 Uhr, obwohl es keine Anwohner gibt, die sich beschweren könnten. Auch die Toiletten sind ein Ärgernis. „Wenn die nicht bald saniert werden, fallen die auseinander.“

Ansonsten aber, fügt Petra Kortenhorn an, komme sie gut aus mit ihrem Vermieter, der Stadt Köln. Erst kürzlich wurde der Weiher fachgerecht gereinigt und ausgebaggert, was der Wasserqualität sichtlich gutgetan hat. Ein Brunnen sprudelt hörbar und übertönt sogar den Lärm der unweit vorbeirasenden Autos auf der A 57. Für einen Moment könnte man fast vergessen, wo man sich hier befindet: mitten in der Großstadt.

Text: Sebastian Züger

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