Leben und Wohnen im Kölner Veedel Bickendorf
Foto: Thilo Schmülgen

Bickendorf. Schoki für die Pänz, Rondellche für die Ditz.

In dieser Rubrik betrachten wir das Leben und Wohnen in Köln. Die Bickendorfer lieben ihr Veedel. Eigentlich stinkt ihnen nur eins: die vielen parkenden Autos, die die engen Gässchen verstopfen.

Schreibwarengeschäft-Besitzer Hacer Tatar

„Wir grüßen unsere Kunden mit Namen“

Das „Bickendorfer Büdche“ ist gar kein Büdchen. Es ist ein Schreibwarengeschäft. Hacer Tatar führt es seit 2007 so, dass an seinem Angebot kaum ein Weg im Veedel vorbeiführt. Von Anspitzer bis Zirkel, von Zuckertüte bis Adelsklatschblatt führt er ein ansprechendes Sortiment. Doch da muss mehr sein, um „Schule Büro Freizeit Tatar“ für viele Einheimische zwischen Sandweg und Vitalisstraße zum einzig wahren „Bickendorfer Büdche“ zu machen. Während Tatars Sohn Daniel einem Nachbarsjungen ein Stück Schoki reicht, sucht der Inhaber nach Erklärungen: „Wir grüßen unsere Kunden mit Namen. Wir wissen, was wir verkaufen, und können noch richtig beraten. Und wir halten der älteren Dame genauso die Türe auf wie der Mutter mit dem Kinderwagen.“ Merke: Die Dominanz von Filialisten und Online-Händlern im Einzelhandel bricht man am besten mit guten Manieren.

Liedermacher Björn Heuser

„Diesen Zusammenhalt, den findet man hier tatsächlich“

Vielleicht aber machen’s einem die Bickendorfer auch ein bisschen einfacher als die Kundschaft andernorts. „Die Menschen hier sind durchaus darauf bedacht, das Geld im Veedel zu lassen“, hat Björn Heuser beobachtet, im Stadtteil lebender Liedermacher und Köln-Forscher aus Leidenschaft („Das Büdche, das die Bläck Fööss besingen, steht eigentlich in Rath-Heumar“). Er deutet auf ein Ladenschild am Kreisverkehr: „So einen inhabergeführten Computerladen zum Beispiel: Wo sonst kann sich so etwas noch halten?“

Vor rund zehn Jahren hat sich der gebürtige Ehrenfelder aus der Körnerstraße aufgemacht. Die Liebe – was sonst? – ließ ihn alle Hindernisse überwinden und in Bickendorf sesshaft werden. Bis heute fremdelt die Mutter mit dem Entschluss des Sohnes. „Ihre Sätze beginnen immer noch so: Ich weiß nicht, wann ich es wieder nach Bickendorf schaffe, aber . . .“, erzählt Heuser und muss lachen. Er hat hier sein Glück gefunden. In einem Lädchen an der Rochusstraße managt er seine Karriere, und im Dachstudio seines Häuschens schreibt er seine Lieder.

Beim Spaziergang durch den Stadtteil grüßen auffallend viele Menschen. Heuser grüßt zurück: „Ich kenne die gar nicht alle. Aber das macht man hier so.“ Bickendorf – der Name ist eben Programm. Wir passieren den klassischen Klinkerbau von St. Rochus. „Die Kirche spielt hier noch eine wichtige Rolle. Vor allem im Sinne von Gemeinde. Diesen Zusammenhalt, den findet man hier tatsächlich.“

Neu-Bickendorferin Malin Kemper

„Bickendorf ist ruhiger als Ehrenfeld, aber trotzdem cool“

Eine Erfahrung, die der Neu-Bickendorferin Malin Kemper bisher weitgehend verwehrt geblieben ist. Die Lust auf die Freie Szene hat die 26-jährige Schauspielerin nach einem Engagement am Stadttheater Heilbronn vor einigen Monaten nach Köln gebracht. Doch dann schnappte die Corona-Falle zu. Immerhin verbringt Kemper ihre nun allzu üppige Freizeit an einem tollen Ort: In einem einstigen Fabrikgebäude an der Teichstraße hat sie ein WG-Zimmer gefunden. Eine doppelstöckige Produktionshalle dient als gemeinsames Wohnzimmer. Unter der Decke warten auf Stahlschienen zwei Lastkräne auf ihren nächsten Einsatz, der wohl nie kommen wird.

Malin hingegen hat die Hoffnung nicht aufgegeben. „Ich bewerbe mich, mache E-Castings“, erzählt sie. „Irgendwann klappt was. Und bis dahin fange ich vielleicht noch ein Studium an.“ Bickendorf, das immerhin hat die gebürtige Aachenerin, die auch schon in Berlin lebte, bereits herausgefunden, „ist ruhiger als Ehrenfeld, aber trotzdem cool“. Außerdem: „Ich finde es toll, dass überall Anti-Rassismus-Flaggen aus den Fenstern hängen.“

Bickendorfer Familie Landwehr-Reckmann

„Ganz familiär wie in der Kleinstadt …“

Genervt hingegen ist die Führerschein-Verweigerin von den zahllosen Autos, die die eigentlich so idyllischen Dorfstraßen Bickendorfs verstopfen. „Von mir aus können die alle weg.“ Eine Aussage, die wohl alle unsere Gesprächspartner unterschreiben würden – auch die fünfköpfige Familie Landwehr-Reckmann. „Autofrei sind die Straßen nur einmal im Jahr, wenn der Zoch kütt“, sagt Mutter Maike.

Von diesem Makel abgesehen aber können sie partout nichts Schlechtes finden an ihrem Veedel. „Bodenständig, uneitel, pragmatisch“, fällt Papa Uli zu Bickendorf ein. „Das merkt man besonders, wenn drüben im Rondellchen Karneval ist. Lauter fröhliches, entspanntes Volk. Da macht keiner auf dicke Buchse.“ Das „Rondellchen“ selbst ist ein gutes Beispiel für offenkundig funktionierendes Zusammenleben: Für einen rentablen Kneipenbetrieb ist der Rundbau viel zu klein. Deshalb schmeißt eine Nachbarschaftsinitiative den Laden.

Die Kinder Kalle (11), Mattes (15) und Luzie (17) sind weitgehend hier aufgewachsen und können sich fürs Großwerden keinen besseren Ort vorstellen. „Klar, nach dem Abi will ich mal raus und was anderes sehen“, sagt Luzie. „Aber wenn ich älter werde und eine Familie gründen möchte, würde ich schon gerne wieder in einem Veedel wie diesem hier leben: ganz familiär wie in der Kleinstadt, und trotzdem mitten in der Großstadt.“ Die Bickendorfer werden sie, das ist gewiss, mit offenen Armen empfangen.

Text: Sebastian Züger

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